Studie zu Gefühlen, Mitgefühl und Befinden Uni Wien
 
Herzlich Willkommen!
Durch die Mithilfe von verschiedenen Kooperationspartnern (Forenbetreibern, Betreibern von Websites, Institutionen, Vereinen) und von vielen TeilnehmerInnen war es möglich, 373 Datensätze in die Analysen zur Studie "Gefühle, Mitgefühl und Befinden" einzubeziehen.
Wir bedanken uns sehr herzlich für Ihre Unterstützung, Ihre Teilnahme und Ihr Interesse an der Studie – Sie haben uns damit sehr geholfen!
Die Datenerhebung dieser Online-Studie lief von Sommer 2012 bis Anfang 2013. Weiter unten möchten wir Sie über die Ergebnisse der Diplomarbeitsstudie von Judith Reiss (2013) informieren.
Judith Reiss & Dorothea König
Universität Wien, Fakultät für Psychologie | Liebiggasse 5/3, A-1010 Wien
E-Mail: a0605674@unet.univie.ac.at | siehe auch Kontakt und Impressum

Ergebnisse der Diplomarbeitsstudie von Judith Reiss (2013):
Von besonderem Interesse für die vorliegende Studie war die Einstellung, die Personen sich selbst gegenüber haben – ob sie sich selbst für ihre Fehler und Schwächen verurteilen und übermäßig kritisieren oder, im Gegenteil, sich selbst und ihre Unzulänglichkeiten akzeptieren. Eine solche verständnisvolle und freundliche Haltung sich selbst gegenüber kann mit dem Begriff "Self-Compassion" (oder selbstbezogenes Mitgefühl) beschrieben werden. Self-Compassion umfasst nicht nur selbstbezogene Freundlichkeit, sondern auch einen achtsamen Umgang mit negativen Gedanken und Gefühlen, anstatt diese zu unterdrücken oder sich in diese "hineinzusteigern". Außerdem beinhaltet Self-Compassion die Wahrnehmung, dass negative Erfahrungen ein wesentlicher Bestandteil des Lebens sind und dass andere Menschen Ähnliches erleben. Als ein für die westliche Psychologie relativ neues Konzept bringt Self-Compassion eine neue Perspektive in die Frage nach einer gesunden Einstellung zu sich selbst.
Das Ziel der vorliegenden Studie bestand darin, dieses vielversprechende Konstrukt im Kontext psychischer Belastung zu untersuchen. Um ein vollständigeres Bild zu erhalten, wurden neben der Haltung gegenüber der eigenen Person auch der Umgang mit eigenen Gefühlen sowie mit den Gefühlen anderer berücksichtigt – das Interesse galt also nicht nur Self-Compassion allein, sondern auch dessen Beziehungen zu den Konstrukten der Emotionsregulation und der Empathie.
Zur Untersuchung dieser Zusammenhänge wurde eine Online-Befragung durchgeführt, die in deutschsprachigen Foren und auf Informationsseiten zu gesundheitsrelevanten Themen verlinkt wurde. Die Studie gliederte sich in zwei Teile. Der erste Teil bestand aus mehreren Fragebögen und der Erhebung von soziodemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht und Ausbildung. Die Fragebögen erfassten psychische Belastung und soziale Ängstlichkeit, Self-Compassion, Regulation von negativen und positiven Emotionen, Empathie, interpersonelle Schuldgefühle (übermäßige Schuldgefühle gegenüber anderen Personen) und Positivität (positive Einstellung gegenüber der Zukunft, den Mitmenschen und der eigenen Person). Im zweiten Teil der Studie wurde der Umgang mit schwierigen Situationen untersucht. Die TeilnehmerInnen sollten sich vorstellen, dass ein Kollege vor ihnen und allen anderen MitarbeiterInnen vom Vorgesetzten zurechtgewiesen wird. Sie sollten daraufhin ihre Empfindungen mittels vorgegebener Antwortmöglichkeiten zum Ausdruck bringen. Von der Fremdperspektive folgte ein Wechsel in die Selbstperspektive: Die StudienteilnehmerInnen sollten sich nun selbst in die Lage dieser Person versetzen und die Wahrscheinlichkeit bestimmter vorgegebener Reaktionen und Gedanken einschätzen.
Insgesamt wurden 373 Personen (davon ca. 80% weiblich) mit einem Durchschnittsalter von ca. 36 Jahren in die Untersuchung einbezogen. Diese wurden anhand ihrer Fragebogenwerte in eine psychisch belastete und eine psychisch unbelastete sowie in eine hoch sozial ängstliche und eine nicht sozial ängstliche Gruppe eingeteilt. Psychisch belastete sowie hoch sozial ängstliche Personen unterschieden sich von den jeweiligen Vergleichsgruppen hinsichtlich aller erhobenen Merkmale: Sie berichteten geringere Self-Compassion, geringere Positivität, ein eher ungünstiges Muster im Umgang mit Emotionen (z.B. weniger Ablenkung von negativen Emotionen, aber mehr Unterdrückung von negativen und positiven Emotionen aus Rücksichtnahme auf andere), höheren empathischen Distress (unangenehme Gefühle als Reaktion auf die Emotionen anderer) sowie intensivere interpersonelle Schuldgefühle. Bei der statistischen Vorhersage der Gruppenzugehörigkeiten "psychisch belastet vs. unbelastet" und "hoch sozial ängstlich vs. nicht sozial ängstlich" stellte sich Self-Compassion durchwegs als bedeutsam heraus: Je weniger Self-Compassion eine Person berichtete, umso wahrscheinlicher gehörte sie der psychisch belasteten bzw. der hoch sozial ängstlichen Gruppe an. Schließlich zeigte der Vergleich von Personen mit unterschiedlich hoher Ausprägung von Self-Compassion hinsichtlich der Reaktionen auf das vorgestellte Szenario, dass hohe Self-Compassion mit günstigeren Strategien im Umgang mit schwierigen Situationen und negativen Gefühlen einhergeht sowie mit geringerem empathischen Distress und geringeren Schuldgefühlen verbunden ist. Dies zeichnete sich auch bei der Untersuchung der statistischen Zusammenhänge (Korrelationen) zwischen Self-Compassion und den anderen Konstrukten ab.
Diese Ergebnisse zeigen die soziale Bedingtheit von psychischem Befinden auf und werfen damit ein anderes Licht auf Menschen, die unter psychischen Problemen leiden. Zum Beispiel widersprechen die Ergebnisse jenen Erklärungsansätzen, die eine starke Selbstbezogenheit von depressiven Personen hervorheben. Interpersonelle Aspekte wie Mitgefühl, Verantwortungs- und Schuldgefühle gegenüber anderen scheinen jedoch von großer Bedeutung für das psychische Befinden zu sein.
Self-Compassion scheint ein wichtiger Schutzfaktor gegenüber psychischer Belastung zu sein. Diese Annahme wurde auch in der vorliegenden Untersuchung unterstützt. Daher erscheint es sinnvoll, die Förderung von Self-Compassion in die psychologische und psychotherapeutische Behandlung von Personen mit verschiedenen Beschwerden zu integrieren.

Reiss, J. (2013). Self-Compassion, Emotionsregulation und Empathie in Zusammenhang mit psychischer Belastung. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Wien.


 
Diese Online-Studie wurde an der Universität Wien durchgeführt.  |  © 2012–2013